Der Bergsteiger

Der Antichrist im Himalaya
Die unbekannte Geschichte des Alpinisten Aleister Crowley (1875-1947)

Kennen Sie Aleister Crowley? Wenn ja, dann wahrscheinlich nicht den Alpinisten Crowley. Denn der 1875 in England als Edward Alexander Crowley geborene Erbe einer großen Brauerei ging in die Geschichte der jüngeren Vergangenheit eher mit Attributen wie “größter Magier des Jahrhunderts”. “Vater des Neosatanismus” oder „verderbtester Mensch seiner Zeit” ein. In der Tat besaß Crowley einige – vorsichtig formuliert — sehr provokative Charaktereigenschaften, die seine Zeitgenossen zu meist deutlichen Stellungnahmen nötigten. Seine Eltern waren Anhänger einer extremen bibel-und sittenstrengen Sekte, den Plymouth Brethren. Seine Mutter beschimpfte ihren Sohn oft als „Das Große Tier”. Das ist jene furchterregende Vision des Antichristen, des Satans aus der Johannes-Apokalypse. Doch anstatt dies als Vorwurf oder Tadel zu empfinden, identifizierte sich der junge Crowley immer stärker mit dieser christlichen Negativfigur. Bald nannte er sich selbst „The Great Beast” oder griechisch “To Mega Therion”. Mit diesem Selbstverständnis und einem reichen väterlichen Erbe versehen, geisterte das “Große Tier” in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts durch die Okkultszene Europas und Amerikas, gründete Orden, die wieder eingingen, fand Schüler und verlor sie wieder, suchte später ständig neue Geldgeber, deren Zuwendungen alsbald wieder verflossen waren. Er war ein belesener Esoteriker, ein charismatischer Hochstapler und ein Meister der Verstellung und wechselnder Rollenspiele. Er war egomanisch und provokativ, immer getrieben von seinem abgrundtiefen Hass auf das Christentum. 1904, im Alter von 29 Jahren, schuf er seine eigene Religion. In einem Kairoer Hotelzimmer nahm eine “höhere Wesenheit” namens Aiwass zu ihm Kontakt auf und diktierte ihm die 220 Verse des “Liber Al Vel Legis” in die Feder. Dieses “Buch des Gesetzes” ist bis heute die “Bibel” aller Crowley-Anhänger. “Tu, was du willst, soll sein das Ganze von dem Gesetz!” ist ihr heiligstes Credo. Der Text verkündete ein Neues Äon, in dem die Menschen gottgleich sind und alle traditionellen Religionen zerstört werden sollten. Crowley huldigte einem unkontrollierten, unzensierten Gebrauch aller Spielarten des Eros und des Drogenrausches. Er propagierte die Mißachtung aller gesellschaftlichen Normen, Tabus und Konventionen, denn all das sah er durchdrungen von „christlicher Sklavenmoral”.

1947 starb er in England, einsam und heroinsüchtig, aber immer noch erfüllt von der Gewissheit seiner historischen Mission als Prophet des „Neuen Äons”, in dem ein magischer neuer Mensch angeblich stark und frei sein werde. Viele der dunkelsten und obskursten Gruppen der religiösen Subkultur haben sich mehr oder weniger deutlich auf Crowley berufen und seine Lehren adaptiert, so etwa der kalifornische „Satan” Charles Manson, dessen ihm völlig hörige Teenager 1969 die Schauspielerin Sharon Tate und ihre Freunde bestialisch umbrachten, oder der 1984 verstorbene Gründer der umtriebigen Scientology Church, Ron L. Hubbard.

Aber Aleister Crowley war auch bis zu seinem 30. Lebensjahr einer der fähigsten Bergsteiger und Alpinisten seiner Zeit. Da er durch seine Lehren und sein öffentliches Wirken überall in England und auf dem Kontinent geächtet war, wurde er auch in der Alpingeschichte langsam, aber sicher zur Unperson. Der British Alpine Club wurde nie müde, sich von allen Aktivitäten Crowleys zu distanzieren, wobei dieser allerdings sowieso keinen Wert auf engeren Kontakt zu den Clubhonoratioren legte. Crowley war für die Entwicklung des britischen Feiskietterns von einiger Bedeutung und erschloß hier einiges Neuland. Er war einer der ersten führerlos gehenden Bergsteiger im Alpenraum und absolvierte sehr viele der klassischen Hochtouren in den Westalpen allein. Nach Exkursionen in Mexiko war er dann an zwei der ersten Expeditionen in den Himalaya und das Karakorum beteiligt, die sich das für diese Zeit ungeheure Ziel einer Achttausender-Besteigung gesetzt hatten. In vielen der alpin historischen Werke ist dieser umstrittene Engländer oft gar nicht, am Rande oder im falschen Zusammenhang erwähnt, denn zu sehr scheint sein egozentrisches Verhalten auch am Berg den „vorbildlichen Tugenden” der Bergsteigerei widersprochen zu haben. Doch trotz aller berechtigten emotionalen Ablehnung dieses Charakters angesichts seiner Taten sei hier der Versuch unternommen, eine nicht unwesentliche Episode der Alpinhistorie genauer als bisher zu beleuchten. Außerdem glaube ich, daß es nicht ohne Bedeutung für uns Heutige ist, auch einmal zu realisieren, daß das alpine Tun — gleich zu welcher Zeit — nicht nur aus „edlen” und „vorbildhaften” Motiven und Taten bestand, sondern ebenso ein Ventil für seelische Abgründe sein kann.

Frühe Jahre: „… daß es hier oben kein Christentum gab!”

Zum Bergsteigen kam Aleister Crowley durch einen Ferienaufenthalt mit seiner Mutter 1892 in Skye. Er war ein 17jähriger Schuljunge, der in sehr selbstsicherer Manier bereits den extrem christlichen Glauben der Eltern ablehnte, seinen Aufenthalt an der Internatsschule Tonbridge als noch nicht mal notwendiges Übel betrachtete – allerdings weniger aus geistiger Trägheit, sondern wegen „Schikaniererei und Mangel an intellektueller Freundschaft” — und ansonsten in seinen Ferien „fischte, mich der Bergsteigerei widmete und den Mädchen nachjagte”. Unter Bergsteigen war bis zu diesem Zeitpunkt einfaches Wandern zu verstehen, und erst im Sommer 1892 bekam Crowley durch Kontakte mit Einheimischen und Touristen eine Vorstellung vom Klettern im Fels und dem Gebrauch des Seiles. Fortan trieb es ihn allein und mit wechselnden Partnern in die Berge Cumberlands. Im damaligen Bergsteiger- und Ferienort Wastdale traf er „einige der brillantesten Männer Englands” oder auch den einheimischen Bauern J.W.Robinson, den Erfinder des „Cumberland-Kletterns”. Crowley bemerkte, daß sich „sein ganzer athletischer Ehrgeiz auf das Bergsteigen konzentrierte” und er seine „glücklichsten Augenblicke erlebte, als ich mich allein in den Bergen befand”. Wobei für ihn allerdings nicht nur der bekannte Kanon alpiner Reize zur Erklärung dieses Tuns ausreichte, sondern vor allem, „… daß es hier oben kein Christentum gab. Die Moral dort war eher männlich als alles andere.” Seine in Haß umgeschlagene Ablehnung der christlichen Sekte seiner Eltern und die Geringschätzung der Frauen — außer als Sexualpartnerinnen — bestimmten nicht nur sein Leben als Enfant terrible der Esoterik und Magie, sondern auch seine alpinen Bestrebungen.

Crowley entdeckte bald darauf seinen Hausberg an den Kreideklippen der Kanalküste. Am Beachy Head unweit Brighton widmete er sich einige Sommer lang meistens allein dieser eigenartig diffizilen Spielart des Felskletterns – vor allem bei der häufig recht feuchten Wetterlage am Kanal. Liegt es vielleicht doch an einem verstärkten Hang zur Exzentrik der Inselbewohner, jedenfalls turnte zur selben Zeit der damals wohl bekannteste Bergsteiger Englands, A. F. Mummery, an den Klippen von Dover herum. Er reagierte zuerst sehr skeptisch auf die Mitteilungen über Crowleys Touren im Kreidefels, ließ sich dann aber überzeugen und zollte Crowley hohe Anerkennung. Dieser veröffentlichte seine Routen samt Karte im Scottish Mountaineering Journal (Vol. III), jedoch fanden seine todesmutigen Erstbegehungen schon damals wenig Nachahmer.

1894 besuchte Crowley erstmals die Alpen, und zwar das Suldental, damals noch zu Österreich gehörend. Sein Ziel war es, in Eis und Schnee eine ähnliche Geschicklichkeit zu bekommen wie im Fels. Neben einer Besteigung der Königsspitze will er in diesem Sommer eine nicht weiter belegbare und nachvollziehbare Erstbesteigung des Ortlers über den „Hinteren Grat” durchgeführt haben. 1895 dann besuchte er das Berner Oberland. Es wurde, wie T. S. Blakeney in einer Rezension der Crowley-Biographie von Symonds im Alpine Journal bemerkte, sein erfolgreichstes Jahr. Er bestieg unter anderem den Eiger im Alleingang, die Jungfrau über die Schneehorn-Silberhorn-Route, den Mönch von Wengen aus, Petersgrat, Wetterlücke und Tschingelhorn. Dann rief ihn ein Telegramm nach England zurück, sein Aufnahmegesuch ans Trinity College in Cambridge war angenommen worden.

In diesen Jahren gewann Crowley seine drastischen und für seine Egomanie typischen Ansichten über das Bergsteigen, den englischen Alpine Club und die einheimischen Führer in den Alpen. In seiner weitschweifigen Autobiographie (er selbst sprach immer von „Autohagiographie”) tauchen die Schweizer und Tiroler Bergführer immer wieder als ängstliche, abergläubische, missgelaunte Tollpatsche auf, denen anscheinend selbst die grundlegendsten Fähigkeiten der Bergsteigerei abgingen. Crowleys Fazit: „Das Bergsteigen ist im wesentlichen ein wissenschaftliches Problem. Wie konnten also die abergläubischen und unwissenden Bauern der Alpen ein solches meistern oder überhaupt angehen?” So verzichtete er konsequenterweise bei seinen weiteren Unternehmungen auf Unterstützung durch einheimische Führer. In der Tat sind einige seiner Besteigungen klassischer Alpengipfel die ersten führerlosen. Entsprechend war seine Einschätzung des ehrwürdigen Alpine Clubs in London. Sowohl Norman Collie wie auch Martin Conway schlugen Crowley zur Aufnahme in den Club vor, trotzdem wurde er abgelehnt. Sein eingereichter Tourenbericht sei „viel zu gut” gewesen, meinte er in der Rückschau, der Alpine Club sei ja nichts anderes als ein „inkompetenter, bis zum Wahnsinn eifersüchtig hinsichtlich ihrer erworbenen Interessen und unglaublich unsportlicher” Club. Der „durchschnittliche Clubmensch qualifiziert sich, in dem er ein paar Führer dafür entlohnt, daß sie ihn ein, zwei abgedroschene Gipfel hochzerren”. So überzogen Crowleys Charakterisierungen des Clubs und der alpinen Führer sein mögen, auch Mummery als damals Englands bekanntester Bergsteiger wurde auf Grund seines führerlosen Gehens nicht aufgenommen, und das Verhalten vieler englischer „Gentlemen” gegenüber den angeheuerten Führern war in Taten ebenso arrogant wie Crowleys Worte über die „unwissenden Bergbauern”.

Bekannte englische Bergsteiger wie A. F. Mummery, Norman Collie oder Oscar Eckenstein sahen in Crowley einen der begabtesten Alpinisten auf der Insel, obwohl er auch als „reckless” angesehen wurde. In den Sommern 1896 und 1897 findet man Aleister Crowley wieder in den Schweizer Alpen, vornehmlich im Berner Oberland und im Wallis. Er war mit Norman Collie und dessen Assistenten am University College in London, Morris Travers, unterwegs. Viele klassische Hochtouren wurden durchgeführt, erwähnenswert empfand Crowley selbst vor allem den ersten Abstieg über die Westseite des Trifthorns und die zweite Besteigung des Nordnordostgrates am Mont Collon.

1898 kam es am Wasldale Head in Cumberland für Crowley zu einer seine alpine Laufbahn sehr prägenden Begegnung. Er lernte dort den in Deutschland geborenen, aber in England lebenden Alpinisten Oscar Eckenstein kennen. Eckenstein war in Bonn aufgewachsen, und seine Eltern waren aus politischen Gründen bald nach England emigriert. Er war 20 Jahre älter als Crowley, jedem Rummel um sein bergsteigerisches Tun ebenso abgeneigt wie der englischen Sitte des Vereinslebens. Ein bescheidener, stiller Einzelgänger, der für den heutigen Alpinisten solch elementare Geräte wie Pickel und Steigeisen entwickelte, verfeinerte und so einer völlig neuen Form des Gehens am Berg, auf Schnee und Eis zum Durchbruch verhalt. Sein Name ist uns durch die Fortbewegung auf Steigeisen im Stil der „Eckenstein-Technik” erhalten geblieben, bis heute Grundrepertoire eines jeden „Grundkurses Eis”. Eckenstein und Crowley waren in physischer wie charakterlicher Hinsicht Antipoden, aber Crowley war fasziniert vom alpinen Stil des Deutschen wie von seinen „moralischen Idealen und seiner unnachgiebigen Aufrichtigkeit”, Wesenszüge, die ihm zeit seines Lebens fremd blieben. Sooft Crowley in seiner langatmigen Lebensbeschreibung sich in egomanischer Selbstbeweihräucherung ergeht und (fast) alle erwähnten Zeitgenossen mit Negativvokabeln en gros belegt – Oscar Eckenstein ist (neben Allan Bennett, der ihn in den Buddhismus und den Gebrauch der Drogen einführte) der einzige Mensch, von dem Crowley ausnahmslos in bewundernden und freundschaftlichen Tönen sprach. Und auch umgekehrt muß es eine tiefe Sympathie gegeben haben, wobei jedoch die Motive Eckensteins für diese ungleiche Freundschaft mangels authentischer Aussagen im dunkeln bleiben müssen.

Im Sommer des gleichen Jahres hatte Crowley in den Schweizer Bergen eine weitere Begegnung, die seinem Leben eine entscheidende Wende geben sollte. Ein bisher eher nebensächliches Interesse an Okkultismus und Magie hatte Crowley bereits seit längerem bei sich verspürt, jedoch keine weiteren Anstrengungen in dieser Richtung unternommen, sich weiterzubilden Einer der englischen Seilpartner bot ihm daraufhin an, ihn in London mit einem „wirklichen Magier”, der Mitglied eines Geheimordens sei, bekannt zu machen. Der geheimnisvolle Magier war der Chemiker George Cecil Jones, und er war Mitglied im „Order of the Golden Dawn”, einer rosen-kreuzlerisch-kabbalistischen Geheimgesellschaft, der einige Künstler, Bohemiens und Wissenschaftler des damaligen Londons angehörten. Das bekannteste Mitglied war wohl der Schriftsteller William Butler Yeats. Crowley wurde sofort Mitglied des Ordens und durchlief die unteren Grade in Rekordzeit, so daß er bald über den Orden urteilte, seine „Mitglieder seien größtenteils kleine, stümperhafte Geister aus der Mittelklasse”. Es dauerte dann nur wenige Jahre, bis er sich mit dem Ordensleiter Mac Gregor Mathers endgültig überwarf und seinen eigenen Orden gründete. Auf jeden Fall hatte Crowley erkannt, daß die „Magick sein eigentliches Lebensziel und seine Berufung sei.

Er hatte sich mit Oscar Eckenstein für das Jahresende 1900 in Mexiko zum Bergsteigen verabredet. Dieser teilte Crowleys okkulte Ambitionen überhaupt nicht und verspottete ihn, „sich mit solchem Unsinn zu beschäftigen”. Crowley verletzte dieses Urteil, trotzdem führten sie in den nächsten Wochen einige erfolgreiche Bergtouren durch. Dabei erklommen sie auch die beiden Vulkane Popocatepetl und Ixtaccihuatl. Am Ixtaccihuatl, der „Schlafenden Frau”, verbrachten sie mehrere Wochen auf großer Höhe, denn sie hatten beschlossen, eins Himalaya-Expedition zu organisieren. Damals war der Everest an der nepalesisch-tibetischen Grenze für Europäer nicht zugänglich, und so entschieden sich die beiden für einen ersten Besteigungsversuch des zweithöchsten Berges der Erde, des K2 im Karakorum.

Eckenstein war bereits Mitglied der Expedition von William Martin Conway zum K2 von 1892 gewesen. Bis dahin hatten nur zwei Europäer den Chogori, den Großen Berg, zu Gesicht bekommen. Henry Haversham Goodwin Austen hatte ebenso wie der Münchner Adolf Schlagintweit versucht, den Mustagh-Pa(3 in der Karakorum-Kette als Übergang nach Norden zu bezwingen. Beide scheiterten, erst der britische Offizier Younghusband kam bei einem waghalsigen Trip von Peking nach Indien im Jahre 1888 als erster über den 5800 Meter hohen Pass und sah den Chogori, der „ihm den Atem nahm”. Conways Expedition sollte die erste wissenschaftliche und alpine Erkundungsexpedition in dieses abgelegene Hochgebirge sein, dessen Zugang bereits einen mindestens zweiwöchigen Anmarschweg von der letzten Oase Askole aus erforderte. Leiter waren der Kunstprofessor Conway und der britische Major Bruce, als Bergsteiger waren der Crew Oscar Eckenstein und Matthias Zurbriggen angeschlossen. Oscar Eckenstein trennte sich jedoch schon früh wieder von der Mannschaft, da er sich über Organisationsmängel der Expedition ärgerte und die alpine Rückständigkeit Conways nicht akzeptieren wollte. Ging dieser mit der klassischen Alpenstange über den Baltoro-Gletscher, benutzte Eckenstein die gerade von ihm entwickelten Zehnzacker und einen nur 85 Zentimeter langen Eispickel. Ein Erfolg der Expedition war neben verschiedenen medizinischen und meteorologischen Experimenten und Beobachtungen die Ersteigung eines bisher unbenannten Berges von 6890 Metern Höhe. Damit stellte man den bislang geltenden Höhenrekord der Brüder Schlagintweit ein.

Am K2 -oder eine Kiste voll Lyrik auf dem Baltoro

Am 23. März 1903 begann die Chogori-Expedition in Delhi. Außer Oscar Eckenstein und Crowley waren anwesend: der Engländer Guy Knowles, ein erst 22jähriger Gentleman-Bergsteiger aus Cambridge, der bisher alpinistisch nicht besonders in Erscheinung getreten war, dann der 32jährige Schweizer Arzt Jules Jacot Guillarmod sowie die beiden Österreicher Heinrich Pfannl und Victor Wessely.

Pfannl war Richter in Wien und hatte erstmals die Hochlor-Nordwand und eine neue Route am Dent de Geant im Montblanc-Massiv durchstiegen. Victor Wessely war bei vielen dieser Unternehmungen sein Seilpartner gewesen. Eckenstein und Crowley hatten einen Vertrag über die Regularien der Expedition erstellt und unterschrieben, der jetzt auch von den anderen unterzeichnet werden musste. Neben der Festlegung Eckensteins als Leiter der Gruppe und Crowley als seinen Stellvertreter hieß es dort, daß Crowley 1000 Pfund in die Expeditionskasse eingezahlt habe. Guy Knowles bestätigte viele Jahre später dem Crowley-Biographen Symonds, daß kein Pfennig von Crowley eingebracht worden sei. Vielmehr habe Knowles, ein gutsituierter Kunstsammler, den Löwenanteil der Kosten getragen. Crowley war mit seiner persönlichen Einschätzung der Expeditionsmitglieder, wie immer, schnell zur Hand. Außer Eckenstein hielt er allenfalls Knowles für einen tauglichen Partner für diese Tour. Guillarmod verstand in seinen Augen „von den Bergen ebenso wenig wie von der Medizin”, und Pfannl wie Wessely charakterisierte er in seinen Memoiren – einfühlsam und zurückhaltend, wie er war – mit einer Vielzahl von Eigenschaften: von „verfressen” über „unfähig” bis „dumm” und „alpin unerfahren”.

Eine eigenartige Begebenheit verzögerte dann noch den Fortgang der Expedition. Kurz vor der Grenze zu Kaschmir kam ein Abgesandter des englischen High Commissioner und verbot ohne genaue Angabe von Gründen Eckenstein die Einreise nach Kaschmir. Drei Wochen lang setzte Eckenstein die englische Kolonialverwaltung in Bewegung, um seine Weiterreise zu erwirken, während seine Expeditionsteilnehmer schon vorreisten, um in derselben Sache zu intervenieren. Schließlich wurde eine „höhergestellte” Person tätig, und Eckenstein traf mit seinen Kollegen in Srinagar drei Wochen später wieder zusammen. Nachträglich interpretierte er den Vorfall als einen hinterhältigen Versuch Conways, ihn am Zutritt ins Karakorum zu hindern. Denn dieser hatte Eckensteins Trennung von seiner Expedition nie verwunden und war im selben Jahr Präsident des British Alpine Clubs geworden, dem Leute wie Eckenstein und Crowley ohnehin ein Dorn im Auge waren. Crowley hatte bereits einige Reiseerfahrungen im Orient gemacht und lernte extra für die K2-Expedition den Balti-Dialekt. Er rühmte sich lang und breit seiner tiefen Kenntnisse der muslimischen Seele und der orientalischen Mentalität. Die Anheuerung von Trägern oblag dann auch ihm, ebenso wie ihr weiterer Einsatz auf dem Baltoro-Gletscher und die Entlohnung der Balti. Trotz seines für einen Europäer der Jahrhundertwende tatsächlich großen Wissens über die Religion der Muslime war Crowleys Verhalten europäisch-chauvinistisch. Nicht unbedingt deshalb, weil er schon mal zuschlug oder zur Peitsche griff, um die Disziplin zu erhalten, sondern eher, daß er daraus den Schluß zog: „Das erste Geschäft eines Reisenden … besteht darin, seine moralische Überlegenheit zu beweisen.”

Am 28. April verließ der Treck aus sechs Europäern und 170 einheimischen Trägern nebst Schafen, Ziegen und Hühnern Srinagar — jetzt ohne weitere Unterstützung durch Ekkas, den einheimischen, zweiadrigen Pferdekarren. Als Orientierung dienten ihnen die Karten Conways. Über drei Tonnen Ausrüstungsmaterial nahm die Expedition mit auf den Weg, dabei eine Kiste von Büchern, die Crowley sich weigerte, zurückzulassen, denn er war der Überzeugung, ein Mensch in der Wildnis könne eher auf Essen denn auf geistige Nahrung verzichten. Die erste Etappe führte den Treck in 16 Tagesetappen nach Skardu über den Grenzpass zwischen Kaschmir und Baltistan, Zoji La. In den zu passierenden Dörfern errichtete Guillarmod stets eine improvisierte Praxis und behandelte kranke Einheimische, wobei seine medizinischen Kenntnisse von Crowley äußerst bissig und herablassend kommentiert wurden. Man versorgte sich so mit neuer Nahrung und erreichte am 14. Mai Skardu, eine künstlich bewässerte Oase und Hauptstadt Baltistans. Die Expedition bereitete vier Tage lang die nächste Etappe vor, überquerte den Indus, marschierte über Shigar und erreichte Askole am 29. Mai. Dies war die letzte Möglichkeit, frische Nahrungsmittel zu kaufen. Man rastete dort zehn Tage. Crowley wurde beauftragt, mit einer ausgesuchten Gruppe von Trägern den weiteren Zustieg zum Gletscher bis hin zur Errichtung eines geeigneten Basecamps am Fuße des K2 zu erkunden. Am 5. Juni verließ er mit 20 Balti-Trägern Askole, erreichte vier Tage später die Zunge des Baltoro und ging am darauffolgenden Tag die erste Gletscheretappe bis zum Lager 1 Durch die Karte Conways kannte Crowley die geeigneten Lagerplätze entlang des Gletschers, die noch 52 Jahre später der italienischen Expedition Arturo Desios als Lagerplätze dienten. Nach sechs Tagen stand er am „Konkordiaplatz”. Sah William Martin Conway sich angesichts der riesigen Kreuzung aus Gletscherströmen an den Place de la Concorde in Paris erinnert, dachte Crowley an den Konkordiaplatz im Berner Oberland, und seitdem beanspruchten beide, Namensgeber dieser gewaltigen Gletscherarena zu sein. Nun bog er auf den Godwin-Austen-Gletscher ein und erblickte erstmals den Chogori. Seine Lager 7 und 8 lagen am Westufer des Gletschers. Das Lager 9 lag direkt am Südfluss des K2 auf 5290m Höhe, dort, wo Jahre später das Grab des Alpinisten Puchoz errichtet wurde. Auch das Basecamp der italienischen Expedition 1954 lag in unmittelbarer Nähe von Crowleys Lagerplatz.

Angemerkt sei hier, daß in der deutschen Übersetzung von Crowleys Autobiographie „Confessions” betreffs der Geographie, einiger Namen und der Höhenangaben ernste Fehler zu verzeichnen sind. Wesentlich genauer ist die Karten- und Routenskizze Heinrich Pfannls im Jahrbuch des DÖAV von 1904. Ab hier bewegte man sich auf Neuland, denn Conways Erkundungsexpedition war nie so weit vorgedrungen. Crowley errichtete am nächsten Tag 400 Meter höher das Lager 10 direkt unterhalb des Südostgrates. Crowley hatte den Berg jetzt seit einigen Tagen durch den Feldstecher beobachtet und schrieb später: „Es sollte keine Schwierigkeiten machen, von Südosten bis zur schneebedeckten Schulter unterhalb der letzten Felspyramide hoch zu marschieren. Von dort, in über 7000 m Höhe, kann der Gipfel an einem Tag erreicht werden.” Instinktiv hatte er die tatsächlich geeignetste Route, den später Abruzzi-Sporn genannten Weg, erkannt. Schließlich waren am 20. Juni alle Expeditionsteilnehmer im Lager 10 versammelt — bis auf Eckenstein, der sich noch um Nahrungsnachschub kümmerte. Fünf Zelte standen auf dem Gletscher, aus einwandigem Baumwollstoff. Man schlief in Daunenschlafsäcken und auf rollbaren Korkmatratzen. Gekocht wurde mit schwedischen Petroleumöfen. Dann hielt für acht Tage schlechtes Wetter die Männer in den Zelten gefangen. Am 28. Juni klärte das Wetter auf, Eckenstein erreichte das Lager, und man plante den Aufstieg auf den K2. Crowley, Pfannl und Guillarmod sollten den ersten Versuch beginnen, doch das Wetter schlug wieder um. Am 1. Juli stiegen Pfannl und Wessely mit Skiern weiter den Gletscher hinauf und errichteten auf 5950m Höhe an einem Ausläufer des Nordostgrates das Lager 11. Sie schickten einen Träger mit der Nachricht ins Lager 10 zurück, daß die Besteigung über diesen Grat aussichtsreicher sei als der von Crowley vorgeschlagene Weg. Man stimmte im Lager 10 mehrheitlich für die Route der Österreicher. Crowley bezeichnete die Route als „absurd”. Die anderen rückten langsam alle ins Lager 11 nach. Von dort gab es mehrere Möglichkeiten, den Kamm des Nordostgrates zu erreichen. Eine Möglichkeit erkundeten Guillarmod und Wessely, und zwar einen Aufstieg zum ersten Gratgipfel im Nordostgrat des K2. Sie gelangten auf eine Höhe von etwa 6700m Höhe. Sie drehten wetterbedingt um und erklärten diese Route für aussichtslos, da sie von den unzureichend ausgerüsteten Trägern nicht erstiegen werden konnte.

Erste Krankheiten machten den Bergsteigern zu schaffen Fieber, Schneeblindheit und Durchfall plagten wiederholt alle Teilnehmer und außerdem verschlimmerte sich das Wetter zunehmend, da die ganze Expedition aus meteorologischer Sicht viel zu spät am K2 lagerte. Am 12. Juli marschierten Pfannl und Wessely in Richtung eines Schneecouloirs zum Nordostgrat und errichteten auf 6300 m Höhe das Lager 12, Pfannls Lungenbeschwerden und andauernder Neuschneefall machten aber eine Rückkehr notwendig. Crowley litt selbst an Malariaanfällen mit Fieber von 40 Grad Celsius und halluzinierte. Dabei bedrohte er einmal Guy Knowles mit seinem Revolver, der jedoch sogleich den fieberwirren Crowley mit einem Haken außer Gefecht setzte. Pfannl litt an einem beidseitigen Lungenödem, wie der medizinische Laie Crowley richtig diagnostizierte. Sobald das schlechte Wetter etwas nachgelassen hatte, wurde ein Schlitten gebaut und Pfannl bergab transportiert. Eckenstein, Knowles und Crowley blieben aber vorerst noch im Lager 10, ganz hatte man die Hoffnung auf einen weiteren Besteigungsversuch noch nicht aufgegeben. Nach weiteren Krankheitsfällen und schlechtem Wetter waren die Nerven und die Gesundheit der Zurückgebliebenen so geschwächt, daß der Abbruch der Expedition beschlossen wurde. Am 3. August wurde trotz schweren Sturms der Rückweg begonnen. Crowley schrieb: „Wir hatten unser Überlebens-kapital erschöpft. Keiner von uns war fit genug, um irgend etwas besteigen zu können. Insbesondere mangelte es uns an der Blüte der Vitalität: an spiritueller Energie und Begeisterung.”

Man hatte keinen neuen Höhenrekord aufgestellt {obwohl Crowley das noch bis zu seinem Tod glaubte), hatte von den 68 Tagen auf dem Baltoro-Gletscher nur acht Schönwettertage gehabt, aber noch nie hatten sich vorher Bergsteiger über einen so langen Zeitraum in einer Höhe von über 6500m aufgehalten. Der Abstieg verlief bis auf weitere Streitereien zwischen den Österreichern und Crowley problemlos. Heinrich Pfannl konnte nach dieser Expedition nie wieder bergsteigen. 132 Tage nach dem Aufbruch von Srinagar erreichte man wieder die Hauptstadt Kaschmirs, und die erste Expedition auf einen Achttausender war beendet.

„Ich hatte bewiesen, dass es eine leichte Route nach oben gab.” —Katastrophe am Kangchendzönga

d-k-n-r

Zwei Jahre später, am 27. April 1905, besuchte Dr. Jules Jacot Guillarmod Crowley in dessen kleinem Anwesen Boleskine am schottischen Loch Ness. Crowley war über den Besuch hocherfreut. „Ich war äußerst beglückt, ihn zu sehen, er war noch immer derselbe fröhliche Esel wie eh und je.” Guillarmod brachte ihm ein Exemplar seines Buchs „Six Moins dans l’Hi-malaya” über die gemeinsame K2-Expedition mit und versuchte, ihn zu einer weiteren Exkursion zu überreden. Die Gründe Guillarmods, trotz seiner Erfahrungen mit Crowley und dessen unzweifelhafter Meinung über ihn, diesem eine weitere Expedition vorzuschlagen, müssen unverständlich bleiben. Tatsache ist, daß Crowley begeistert einwilligte, unter der Bedingung, ihn vertraglich als alleinigen Führer der Partie zu bestimmen. Guillarmod stimmte naiverweise zu, doch weder Oscar Eckenstein noch Guy Knowles konnten wegen dieses Vertrages für eine Teilnahme gewonnen werden. Zu groß erschien ihnen das Risiko, einem so unberechenbaren Führer wie Crowley auf Gedeih und Verderb in der Extremsituation einer Himalaya-Expedition ausgeliefert zu sein. Crowley selbst schreibt in seinen „Bekenntnissen”, Eckenstein habe allein auf Grund der Teilnahme Guillarmods verzichtet! Der Schweizer wollte eine Expedition nach Sikkim, zum dritthöchsten Gipfel der Erde, dem Kangchendzönga, organisieren, ein für die damalige Zeit nicht weniger riskantes und ehrgeiziges Unternehmen als der Versuch der K2-Besteigung. Nach Crowleys Zusage erklärte sich Guillarmod bereit, sofort in Europa noch weitere Expeditionsteilnehmer zu rekrutieren, Crowley hingegen sollte bereits nach Indien vorausreisen, um den Transport zu organisieren, Träger anzuheuern und die Formalitäten mit den lokalen Behörden zu regeln.

Am 6 Mai verlässt Crowley England per Schiff. Am 9. Mai erreicht er Bombay und reist sofort nach Darjeeling weiter, wo er sich im Drum-Druid-Hotel niederlässt Von Darjeeling aus ist das isoliert liegende, riesige Massiv des Kangchendzönga über Hunderten dicht bewaldeter Hügel gut zu erkennen, und Crowley ist fasziniert: „Und dann — guter Gott! Ist es ein Wunder? Ist es ein Trugbild der Hoffnung, geschaffen von der Tapferkeit aus dem Chaos des Alptraums? Denn dort, über den höchsten Höhen, in einem Winkel, auf den mich meine Erfahrung auf dem Chogcri nicht vorbereitet hatte, dort sieht der Kangchendzönga, schwach rosa, blassblau, strahlend weiß, in der Morgendämmerung!” Crowley hatte sich bereits in England mit der Topographie des Massivs des Kantsch anhand der großartigen Fotografien Vittorio Sellas vertraut gemacht. Dieser Altmeister der Gebirgsfotografie hatte den englischen Bergsteiger Douglas W. Freshfield im Herbst 1899 bei einer Erkundungsexpedition ohne weitere alpinistische Ziele rund um den Kangchendzönga begleitet. So waren die Täler, Pässe und Gletscher rund um den Berg den Europäern etwas bekannter geworden, allerdings hatte es noch keinen ernsthaften Versuch einer Besteigung gegeben. Crowley beurteilte schon vom Hotelfenster in Darjeeling durch sein Fernglas den Aufstieg zum Gipfel als „sehr wahrscheinlich leicht von der Vertiefung in der Bergkette im Westen aus” zu bewältigen! Dabei verließ er sich auf seine ungewöhnliche Fähigkeit, „daß ich akkurat Teile von Bergen zu beschreiben vermag, die ich gar nicht sehen kann”. Er glaubte auch in diesem Fall, daß sich „mein Hellsehen als absolut richtig erwiesen” hatte. Umso erstaunlicher, daß die Expedition in einer Katastrophe endete. Auf Grund seiner Sprach- und Landeskenntnisse heuerte Crowley den italienischen Manager des Drum-Druid-Hotels, R, de Righi, für die Expedition an. De Righi, bar jeder alpinistischen Erfahrung, wurde allein aus diesem Grunde von Crowley zur Teilnahme gedrängt, ansonsten hielt er ihn für einen „niederträchtigen und misstrauischen” Charakter, der ein „Stecknadelhirn” besaß. Positiver kamen da schon die beiden Schweizer Armeeoffiziere Charles A. Raymond und Alexis A. Pache weg, die Guillarmod für eine Teilnahme an der Expedition gewinnen konnte. Raymond sei ein „ruhiger, wenn nicht sogar strenger Mann” und Pache „gewann mein Herz in dem Moment, als ich ihn kennenlernte — ein einfacher, ungekünstelter, bescheidener Gentleman”. Die drei kamen per Schiff nach Bombay, ihre Ankunft verzögerte sich allerdings durch einen Schiffbruch im Roten Meer nicht unerheblich.

Am 8. August 1905 – mitten in der Monsunzeit – verließ eine Karawane aus 230 Trägern mit acht Tonnen Gepäck, fünf Europäern nebst aus dem Kaschmir importierten persönlichen Dienern (von der K2-Expedition) Darjeeling Richtung Norden. Der Anmarschweg zu diesem östlichsten Achttausender war ungleich leichter als der wochenlange Treck im Karakorum. Man wanderte durch Rhododendrenwälder, nur behindert durch Dauerregen und die penetranten Blutegel. Über den Kang-La-Paß ereichten sie die kleine Siedlung Tseram auf 3810m Höhe bereits nach zehn Tagen Marsch. Hier trennte sich wieder Crowley vorn Haupttross der Expedition, um den Weiterweg auf dem Yalung-Gletscher zu erkunden. (Es sei auch hier nochmals erwähnt, daß sämtliche Höhenangaben und die Nummerierung der Lager in Crowleys „Confessions” völlig falsch sind. Da Guillarmods eigene Angaben in seinem Expeditionsbericht für das Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs von 1906 wesentlich exakter sind, muß man die falschen Angaben Crowleys wohl seiner maßlosen Selbstüberschätzung zuschreiben.)

Über Yakweiden, Schutt und Moränen leitete Crowley die Expedition in das große Gletscherbecken unter den Südwestabstürzen des Kangchendzönga. Hier kam es zum ersten Streit zwischen ihm und Guillarmod, der sich über Crowleys Nachlässigkeit, auf dem Gletscher seinen Weg nicht durch Steinmännchen oder andere Orientierungsmerkmale zu kennzeichnen, beschwerte. Crowley schildert den Vorfall als Fehlverhalten Guillarmods und meinte lakonisch: „Ich begann zu vermuten, daß mit diesem Mann ernsthaft etwas nicht in Ordnung war.” Auf 5700 m Höhe wird Lager 5 errichtet. Ab hier beginnen die alpinistischen Schwierigkeiten, denn bisher führte der Weg sanft ansteigend über den schuttübersäten Gletscher, so daß die Träger barfuss gehen konnten. Jetzt stellte sich heraus, daß es weder Kälteschutz noch geeignetes Schuhwerk für einen Aufstieg über Schnee und Eis für die Träger gab. Aber genau das hatte Crowley Guillarmod immer wieder versichert. „Welch eine Enttäuschung!” schreibt Guillarmod. Er hält die Expedition in diesem Moment für gescheitert. Die Europäer geben den Trägern von ihrer Ersatzausrüstung das Notwendigste, was aber weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Hunderte von Stufen werden von Crowleys Diener in den bis zu 50 Grad steilen Eishang mit trügerisch lockerer Schneeauflage gehauen, um den Trägern einen gefahrlosen Aufstieg zu gewährleisten. Lager 6 wird auf 6000m Höhe errichtet, einem Platz, „völlig unwegsam, aber das Schönste, was dort zu finden war”, schreibt Guillarmod. Die Träger leiden an Schneeblindheit und Höhenkrankheit. Am 27. August fliehen einige, dabei stürzt einer 500 Meter ab. Guillarmod birgt die Leiche einen Tag später, Angehörige des toten Trägers beerdigen ihn in einer Gletscherspalte und erklären, daß die Dämonen des ihnen heiligen Gipfels ihren Tribut gefordert haben. (Interessanterweise respektieren die englischen Erstbesteiger des Kangchendzönga 1954 diese sakrale Bedeutung des Berges für die einheimische Bevölkerung und betreten den eigentlichen Gipfel nicht!) Pache, Crowley und Raymond errichten das Lager 7 auf 6300m Höhe. De Righi kommt mit der großen Nachschubtruppe im Lager 5 an. Am 31. August kommen einige Träger ins Lager 6 zu Guillarmod und beschweren sich, daß Crowley sie geschlagen hätte. Am 1. September machen Raymond und Pache einen Vorstoß von Lager 7 aus und erreichen eine Höhe von etwa 6500m. Auf Grund der einsetzenden Dämmerung drehen sie jedoch um und treffen im Lager 7 mit. den aufsteigenden Gui Harmod und de Righi zusammen. Obwohl Gui Harmod davon nichts in seinem persönlichen Bericht über die Expedition erwähnt, scheint er zusammen mit dem Italiener auf Grund der vielen Fehlentscheidungen Crowleys diesem das Expeditionskommando entziehen zu wollen. Crowley spricht nur von „Schwachsinn, Hysterie und Meuterei”. GuiHarmod gibt ihm zu verstehen, daß die Expedition gescheitert sei, man solle absteigen. GuiHarmod, de Righi und Rache wollen absteigen. Crowley warnt vor einem Abstieg am Nachmittag durch den weichen Schnee und will nach eigenen Angaben den von ihm so geschätzten Rache noch persönlich gewarnt haben: „Geh nicht. Ich werde dich nie wiedersehen. In zehn Minuten bist du tot!” Zynischerweise bemerkt er, daß er sich geirrt hatte, den 15 Minuten später lebte Rache immer noch. Aber nicht mehr viel länger. Sie binden sich zu sechst ins Seil. Vorn GuiHarmod, dahinter de Righi, beide gut ausgerüstet, dahinter zwei Träger ohne Schuhe und Pickel. Dann Rache und zuletzt Guillarmods persönlicher Diener, der von seinem „Sahib” ebenfalls ausgerüstet worden war. Das Seil ist gespannt und kann die Ausrutscher der beiden Träger auffangen. Dann folgt eine lange Traverse, der Träger vorn rutscht, reißt seinen Gefolgsmann mit, Rache kann sie nicht mehr halten und Guillarmods Diener wird auch von den Füßen gerissen. De Righi und GuiHarmod können noch geistesgegenwärtig ihre Pickel in den Schnee einrammen, doch als das Seil sich mit einem Ruck spannt, geht der ganze Hang als Schneebrett ab und reißt auch sie beide mit. Benommen findet sich GuiHarmod auf den Schneemassen liegend wieder, in der Nähe den leicht verletzten de Righi. Er ist vom Schnee halb begraben und kann sich nicht selbst befreien Guillarmod befreit ihn, und beide versuchen, das in den gepreßten Lawinenschnee führende Seil zu verfolgen. Sie graben mit bloßen Händen, da die Pickel beim Sturz weggerissen wurden, vergeblich. Das Lager 7 ist nicht sehr weit entfernt, Guillarmod ruft um Hilfe. Trotz der Entfernung kann er sich mit dem auftauchenden Raymond gut verständigen. Dieser steigt mit Ausrüstung ab, und mit vereinten Kräften versuchen sie, die Verschütteten zu befreien. Doch alle Mühen sind vergeblich, die Nacht bricht herein, sie sind völlig erschöpft und erste Erfrierungen machen sich bemerkbar. Mit letzter Kraft steigen sie im Dunkeln über das verwaiste Lager 6 ins Lager 5 ab, wo sie versorgt werden können.

Wo war Crowley? Als sich das Unglück ereignete, war er bereits ausgezogen und mit Teekochen beschäftigt. Er achtete nicht weiter auf die Rufe Guillarmods und de Righis, da die beiden „ja schließlich schon den ganzen Tag lang gebrüllt hatten”. Raymond wollte nachsehen und gegebenenfalls Bescheid sagen. Raymond wußte aber nach Darstellung Guillarmods durch die Rufverständigung genau Bescheid, denn er kam mit Ausrüstung abgestiegen. Crowley legte sich trotzdem schlafen und wollte am nächsten Tag die Lage inspizieren. Er passierte am nächsten Morgen die Unglücksstelle und erreichte bald Lager 5. Alles, was ihm zu den Vorgängen einfiel, war: „Ich hätte viel wütender sein müssen, als ich es tatsächlich war, denn das Verhalten der Meuterer hatte sich zu fahrlässiger Tötung ausgewachsen. Indem sie ihren Vertrag brachen, übernahmen sie auch die volle Verantwortung. Es war mir unmöglich, die Expedition weiter fortzusetzen. Meine Autorität war zunichte gemacht worden und ich wollte kein Leben riskieren.” Er behauptete, noch die Vorkehrungen zur Bergung der Leichen getroffen zu haben, und stieg dann nach Darjeeling ab, wo er am 18. September eintraf. Tatsächlich mußten die Zurückgebliebenen noch drei Tage an der Unglücksstelle schuften, bis sie die Leichen unter einer drei Meter dicken Schneedecke bergen konnten. Die Träger beerdigten ihre toten Kameraden aufrecht stehend mit gekreuzten Armen in einer Gletscherspalte. Ein Lama vollzog die Beerdigungszeremonie, und sie sagten: „Der Gott des Kangchendzönga hat sie genommen, sie werden ihm für die Ewigkeit näher sein.” Der Schweizer Kavallerieleutnant Alexis Rache, gerade einunddreißig Jahre alt, wurde zum Lager 5 transportiert und dort auf einer kleinen Felseninsel unter einem Steinhaufen beigesetzt. Raymond meißelte zwei Tage lang seinen Namen sowie den Geburts- und den Todestag in eine Granitplatte. Der Unfall machte die Yalung-Ranke des Kangchendzönga für Jahre berüchtigt – ungerechtfertigterweise, wie G. 0. Dyhrenturth meint. Dann schließlich kommt 1954 eine englische Expedition über die Yalung-Zunge und beginnt nach einigen Erkundungstouren ihren Weg dort, wo das Lager 5 der Crowley-Expedition stand. Den richtigen Weg hatten sie 1905 gefunden, nur nicht den richtigen Leiter. Das Basislager der englischen Expedition 1954 lag in unmittelbarer Nähe von „Paches Grave”.

Nach seiner Rückkehr vom Kantsch begann Crowley in mehreren Artikeln für die Zeitungen Daily Mail (London) und Pioneer (Allahabad) eine mehr als peinliche Rechtfertigungskampagne seines Verhaltens und verurteilte weiterhin die Unfähigkeit und charakterliche Unzulänglichkeit seiner Mannschaft, insbesondere die Guillarmods und de Righis. De Righi schoss publizistisch zurück und wollte mit diesem “Gentleman” nichts mehr zu tun haben, der sein, de Righis, Leben als nicht rettenswert bezeichnet hatte. Gunlarmod, dem Crowley vorgeworfen hatte, das Seil im entscheidenden Moment des Unglücks durchgeschnitten zu haben, überlegte eine Zeitlang, ob er Klage gegen Crowley erheben sollte (auch wegen unsauberer finanzieller Transaktionen mit der Expeditionskasse), schwieg dann aber doch, ob aus Enttäuschung, Vornehmheit oder Angst bleibt unsicher. Crowley blieb in gewohnter Verkennung aller Realitäten und ungebrochener Arroganz bei seinem Urteil. “Ich hatte jenseits aller Zweifel bewiesen, daß es eine einfache Route nach oben gab. Ich war sicher, daß es möglich war, ein Hauptcamp in erstaunlicher Nähe zum Gipfel zu errichten, und ich hatte mich mit allen Launen des Wetters und Schnees vertraut gemacht. Obwohl die Expedition im ersten Anlauf abgebrochen werden mußte, war der Erfolg doch nicht unbedeutend. Wir hatten eine Höhe von 8300m erreicht (er selbst erreichte maximal 6300m, P. M. H.) und herausgefunden, daß man das Leben in dieser Höhe durchaus genießen und so leicht arbeiten konnte wie überall sonst auch. Ich hatte Eckenstein einen detaillierten Vorschlag zugesandt, der zum Inhalt hatte, daß wir den Berg noch einmal 1906 in Angriff nehmen sollten – aber diesmal keine Fremden.”

Doch auch Eckenstein ging nach dieser Eskapade am Kangchendzönga auf Distanz zu Crowley, und aus der Expedition wurde nichts. Für Crowley war es überhaupt die letzte alpinistische Betätigung, er widmete sich die weiteren 42 Jahre seines Lebens nur noch dem “großen Ziel”, seiner Religion des Neuen Äons, dessen einziger und größter Prophet er war. Als er 1945 mit zittriger Hand seine täglichen Heroinrationen fein säuberlich auf kleine Papierschnipsel notierte, beschrieb er seinen Seelenzustand als „Kangchendzönga-Phobie”. “Nur die Agonie des Rauschgiftsüchtigen konnte seine Furcht vor dem Großen Berg annähernd umschreiben. In der Schnee-und Eiswüste hatte er Stimmen gehört — die Stimmen der Toten oder der Dämonen der Fünf Heiligen Gipfel. Von nacktem Grauen überfallen, hatte er den Kopf verloren und war geflohen”.

Literatur:

Aleister Crowley: Confessions, Bd. 1, Bergen/Dumme, o. J. John Symonds. Aleister Crowley – Das Tier 666, Basel, 1989. Günter Oskar Dyhrenfurth: Der Dritte Pol, München, 1960. Ders.: Das Buch vom Kantsch, München, 1955. Arturo Desio: K2 – Zweiter Berg der Erde, München, 1956. Heinrich Pfannl: Von meiner Reise zum K2 in den Bergen Baltistans, in: Mitteilungen der K. K. Geographischen Gesellschaft in Wien.

Bd.XLVH, 1904, S. 247-260. Ders.: Eine Belagerung des Tschogo-Ri in der Mustaghkette des Hindukusch (8720m), in: Zeitschrift des DÖAV, Bd.XXXV, 1904, S. 87-104. Jules Jacot Guillarmod: Vers le Kangchinjunga (8585 m), in: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub, Bd. 41, 1905/06, S. 190-205. T.S. Blakeney: Review of Symonds: The Great Beast, The Alpine Journal, 1952, S.42

 

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